Lexikon der Zahnärzte und Kieferchirurgen im Dritten Reich

"Der Grad politischer Verstrickung ist deutlich höher als angenommen!"

von ck
Gesellschaft
„Es ist kein klassisches ‚Täterbuch‘", sagt der Medizinethiker und Zahnarzt Prof. Dr. mult. Dominik Groß über sein „Lexikon der Zahnärzte und Kieferchirurgen im ‚Dritten Reich‘ und im Nachkriegsdeutschland“. Der erste von zwei Bänden ist jetzt erschienen.

Die schlimmsten Verfehlungen begingen Groß zufolge die Zahnärzte in den KZ und die, die Zwangssterilisationen bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten anordneten. In etlichen, nicht aber in allen Fällen habe es eine Unstimmigkeit zwischen wissenschaftlicher Leistung und politischem Engagement gegeben – so seien Otto Walkhoff oder Otto Loos überzeugte Nazis gewesen und zugleich bedeutende Wissenschaftler.

Das Nachschlagewerk thematisiert bei jeder biografisch erfassten Person auch ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus. Dabei kommt es in vielen Fällen zu einer erstmaligen politischen Einordnung und in einigen weiteren zu einer Neubewertung der jeweiligen politischen Rolle der Person. Schwerpunkte sind in dem Zusammenhang auch die Karrierestationen, die fachlichen und berufspolitischen Leistungen und Publikationen, die Ehrungen und Auszeichnungen sowie die persönlichen Netzwerkstrukturen und Loyalitätsbeziehungen, in die die Zahnärzte eingebunden waren.

Der Gesamteindruck - eher verstörend

Der Gesamteindruck sei eher verstörend: „Es hat sich gezeigt, dass die Karrieren nach 1933 meist nicht nach fachlichen Kriterien entschieden wurden und dass der Grad politischer Verstrickung unter Zahnärzten deutlich höher war als noch vor wenigen Jahren angenommen“, berichtet Groß. Jener sei so hoch wie in der Medizin, in Teilbereichen sogar noch höher. Dabei habe die Medizin immer als Berufsgruppe mit der höchsten Quote an NS-Mitgliedschaften gegolten.

Das Werk ist das Ergebnis einer rund drei Jahrzehnte währenden Beschäftigung des Autors mit  der Geschichte der zahnärztlichen Berufsgruppe und ihrer Fachvertreter. Entstanden ist das erste Personenlexikon zu den historisch wichtigsten Repräsentanten der Zahnheilkunde. Es versammelt Zahnärzte, MKG-Chirurgen und Dentisten, die in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit im deutschen Sprachraum wirkten und hervortraten.

Wissenschaft und Politik: enger verflochten, als gedacht

Eine der wichtigsten Lehren für Groß besteht in der Erkenntnis, „dass Wissenschaft und Politik enger verflochten waren und sind, als wir das an den Universitäten wahr haben wollen“. Forschungsfreiheit sei deshalb ein besonders hohes Gut.

Neben den Tätern richtet Groß den Blick auch auf die Opfer des Nazi-Terrors: auf Entrechtete, Vertriebene oder ins KZ Deportierte und auch auf Wissenschaftler, die unbeteiligt waren. „Es ist kein klassisches ‚Täterbuch‘. Vielmehr finden alle Erwähnung, die im deutschen Sprachraum Bedeutung erlangten: Täter, Opfer und politisch Unbeteiligte –  zum Beispiel auch die Schweizer Zahnmediziner“, stellt Groß klar.

Band 1 stellt ab auf Hochschullehrer und wissenschaftlich tätige Fachvertreter. Band 2 soll zum Jahreswechsel erscheinen. Beide Bände umfassen insgesamt mehr als 2.000 Druckseiten.

https://www.hentrichhentrich.de/autor-dominik-gross.html - author "Dominik Groß", Lexikon der Zahnärzte und Kieferchirurgen im „Dritten Reich“ und im Nachkriegsdeutschland

- Täter, Mitläufer, Oppositionelle, Verfolgte, Unbeteiligte, Band 1: Hochschullehrer und Forscher (A–L), 968 Seiten, Hardcover, 215 Abbildungen, ISBN: 978-3-95565-500-6, erschienen: 2022, 69 Euro

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