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KBV-Mittagstalk

Primärversorgung oder Primärarztsystem?

Eine bessere Steuerung der Patienten soll helfen, Wartezeiten auf Arzttermine zu verkürzen. Wie ein solches System ausgestaltet werden soll, ist jedoch strittig – das wurde bei einer Veranstaltung der KBV in Berlin deutlich. Krakenimages.com - stock.adobe.com
ao
Politik
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Patientinnen und Patienten müssen künftig besser durch das Gesundheitssystem gesteuert werden – darüber waren sich Experten beim Mittagstalk der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am Dienstag in Berlin einig. Wie das gelingen kann, darüber gingen die Positionen aber auseinander.

Der Gesetzentwurf für ein Primärversorgungssystem, den das Bundesgesundheitsministerium für den Sommer angekündigt hatte, lässt derzeit noch auf sich warten. Beim KBV-Mittagstalk zum Thema „Lotsen im Gesundheitswesen: Wer steuert die Patienten?“ loteten Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, und KBV-Vorstandsvize Dr. Stephan Hofmeister Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede beim Thema Patientensteuerung aus.

Aus Sicht von Stoff-Ahnis ist Primärversorgung ein „positives Gestaltungsthema, das das Potenzial hat, die Menschen zu erreichen und die Versorgung zu verbessern“. Es sei wichtig, bei diesem zentralen Thema voranzukommen – dies könne das Vertrauen in die Politik verbessern. Hofmeister bestätigte dies und forderte, dass die Leistungserbringer bei diesem Thema gehört werden müssten.

Stoff-Ahnis erläuterte, wie sich der GKV-Spitzenverband ein Primärversorgungssystem vorstellt. Ziel sei eine „bedarfsgerechte Versorgung“, um nicht notwendige Arztkontakte zu vermeiden. Derzeit warteten Patienten laut einer Erhebung im Schnitt 42 Tage auf einen Facharzttermin; bei Menschen, die sich für einen dringenden Fall hielten, betrage die Wartezeit im Schnitt immer noch 39 Tage. Um das zu ändern, brauche es eine Anlaufstelle – dies seien Haus- und Kinderärzte. Sie sollen durch digitale Tools unterstützt werden.

GKV-SV will „klugen Algorithmus“ übergreifend entwickeln lassen

Als dritten Baustein brauche es einen Terminpool, für den alle Ärzte Termine melden sollten. „Wir gehen davon aus, dass eine klare Steuerung austariert, wie viele Termine pro Facharztgruppe nötig sind“, sagte Stoff-Ahnis. Ziel sei es, Leerlauf zu vermeiden. Dafür sei ein „kluger Algorithmus“ nötig. Diesen dürfe weder die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) noch die KBV im Alleingang entwickeln, sondern er müsse „übergreifend“ entwickelt werden.

Dass irgendein Tool das leisten könne, halte er für „Phantasie“, widersprach Hofmeister. Hingegen könne die Software SmED (Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) sehr treffsicher einschätzen, ob und wie Patienten in verschiedenen Ebenen versorgt werden müssten. SmED setzen die Kassenärztlichen Vereinigungen seit 2020 zur medizinischen Ersteinschätzung unter der bundeseinheitlichen Rufnummer 116117 ein. 

KBV setzt auf ärztliche Steuerung und System der 116117

Hofmeister skizzierte, wie sich die KBV eine bessere Steuerung vorstellt – und zwar mit einem primärärztlichen System, unterstützt durch das System der 116117. Die primärärztliche Steuerung übernehmen dabei Haus- und Kinderärzte. Von ihnen erhalten die Patienten bei Bedarf qualifizierte Überweisungen an Fachärzte. Zugleich soll der direkte Zugang zu Gynäkologie, Augenheilkunde und Psychotherapie auch künftig möglich bleiben. Ergänzend solle die 116117 als zentrale Anlaufstelle für Akut-, Notfall- und Bereitschaftsversorgung sowie für Menschen ohne festen, steuernden Arzt dienen.

Ziel sei eine koordinierte Versorgung aus einer Hand. Eine vor allem digitale Ersteinschätzung, wie der GKV-Spitzenverband sie favorisiert, lehnen die Ärzte ab. Die Steuerungsaufgaben der Praxen wollen sie zusätzlich vergütet haben.

„Wenn Fachärzte Blankotermine freihalten, muss das honoriert werden“, forderte Hofmeister. Er wies zudem darauf hin, dass eine bessere Steuerung der Patienten anfangs Investitionen in Höhe eines „niedrigen dreistelligen Millionenbetrags“ erfordere, etwa für eine funktionsfähige Telematikinfrastruktur sowie den Ausbau einer digitalen Plattform. Stoff-Ahnis pflichtete ihm bei, dass die Einführung einer besseren Steuerung „kein Sparkonzept“ sei. Eine zusätzliche Vergütung für ärztliche Leistungen lehnte sie jedoch ab.

Steuerung soll verlässlich und verbindlich sein

Nach Vorstellung von Stoff-Ahnis soll auch in Zukunft jede Patientin und jeder Patient eine Hausarztpraxis aufsuchen dürfen. Allerdings müsse die medizinische Bedarfseinschätzung „nicht zwingend in eine Arztpraxis führen“. Je nach Bedarf sei auch denkbar, dass Patienten zertifizierte Gesundheitsinformationen erhielten oder an einen Pflegestützpunkt verwiesen würden. In jedem Fall müsse die Bedarfseinschätzung verlässlich und einheitlich sein, betonte Stoff-Ahnis.

Hofmeister forderte, dass die Steuerung für die Patienten verbindlich sein müsse. „Verbindlichkeit ist Pflicht“, machte er deutlich. Am wirksamsten werde ein Malus-System sein, führte der KBV-Vorstandsvize aus.

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