Auf der Suche nach Ruhe

Ein Zahnarzt in Indien (6)

Der Dortmunder Zahnarzt Hans-Joachim Dubau reiste 2016 nach Indien, seinen Job hat er im Gepäck. Hier erzählt er, was er dort in den Praxen erlebt hat. Aber auch, wie schwierig es ist, abends an der Hotelbar noch ein Bier zu bestellen - und zu trinken.

Die gesetzliche Helmpflicht gilt nicht für Sikhs - der Turban schützt. Dr. Thakkar und ich unterwegs.

Was bisher geschah:

Unterwegs mit Dr. Thakkar

Nach der Abendschicht in der Zweitpraxis des Kollegen Thakkar geht es zurück in mein kleines Hotel. Ich bin noch ganz aufgekratzt vo dem langen Tag und den aufregenden Erlebnissen und will noch nicht schlafen, zumal es erst 21 Uhr ist und ich mittlerweile die nächtlichen Wachphasen fürchte.

Ich könnte mir ein Bier gönnen

In der Hotellobby flackert der Fernseher - ich könnte mir ein Bier gönnen und mein Tagebuch dort weiter schreiben. Da es keine Bar gibt, frage ich am Empfang nach, ob ich ein Bier bekommen könnte. Irgendwie scheint es dem Mitarbeiter unangenehm zu sein, nach einem Blick auf seine Armbanduhr und dem obligatorischen Jein-Kopfschütteln, wirft er sich aber eine Jacke über und verlässt (wortlos) das Hotel.

Ein Elefantenritt, waghalsige Autofahrten, gutes Essen und ein scheußliches Hotelzimmer - meine Zeit in Indien ist ein Abenteuer. Auch die Zahnheilkunde wird hier gänzlich anders praktiziert als bei uns.

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Da ich nicht weiß, was das bedeutet, bleibe ich erstmal stehen und warte auf die Dinge, die da kommen. Im besten Fall auf das Bier. Mit einem breiten Grinsen und einer braunen Papiertüte unter seiner Jacke versteckt, kehrt der Mann zurück ins Hotel, noch ganz außer Atem. Anscheinend hat er das Getränk in einem Spezialgeschäft besorgt. Fein, dann kann der gemütliche Teil des Abends beginnen.

Ruhe und frische Luft: genau das richtige Katerfrühstück!| Dahlhoff

Als ich mich in die Lobby begeben will, kommt mir der Empfangschef entgegen gelaufen, gestikuliert und erklärt mir recht aufgebracht, dass ich auf keinen Fall das Bier in öffentlich zugänglichen Bereichen trinken dürfe. Ich solle doch auf mein Zimmer gehen und es dort trinken. Schade, aber wenn es denn so sein soll.

Prohibition? In Indien trinkt man mehr Whisky als in Schottland!

Worüber ich mir keine Gedanken gemacht habe: In einigen Bundesstaaten Indiens gilt die Prohibition. In Rajastan zwar nicht, wenngleich der Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen wird, wie ich merke. Hinduismus und Islam untersagen den Alkoholgenuss. Das Thema Alkohol ist seit Gandhi in der Verfassung verankert und seither ein Politikum zu sein.

Der erste Tag in Jaipur: Heute treffe ich meinen Kollegenzahnarzt Dr. Mathur, um einige Tage mit ihm in seiner Praxis zu behandeln. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet.

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Die Festung: Nachdem wir beim (verbotenen!) Fotografieren erwischt werden, treten wir die Flucht an. Auch weil - das Bild täuscht -uns dieser Ort viel zu rummelig ist.| Liebsch

Beispielhaft äußerte sich Gandhi 1925 in einer Rede seine Abscheu vor der Trunkenheit: "Der Alkohol bewirkt, dass ein Mann sich selbst vergisst. Er hört für eine Zeitlang auf, ein Mensch zu sein. Er wird zu etwas Geringerem als ein wildes Tier und kann in seinem betrunkenen Zustand nicht zwischen seiner Frau und seiner Schwester unterscheiden. Er verliert die Kontrolle über seine Zunge und seine anderen Körperglieder. Das führt nie zu etwas Gutem. Ich hoffe daher, dass ihr diese Geißel mit all eurer Kraft bekämpfen werdet."

Prohibitionen wurden eingeführt, teilweise wieder gelockert oder aufgelöst. Wie schon erwähnt, gibt es noch Bundesländer mit einem absoluten Alkoholverbot. Solches bringt wiederum andere Probleme mit sich. Korruption, Schmuggel, fehlende Wirtschaftseinnahmen, Schwarzbrennerei mit den bekannten Nebenwirkungen hoher Dosen Methanols, um nur ein paar zu nennen. Wobei die Bevormundung der Bürger nicht zu Abstinenz einzuladen scheint. So wird in Indien mehr Whisky getrunken als sonst in der Welt, einschließlich Schottland.

Auf der Suche nach Ruhe und Entspannung im Grünen.| Liebsch

Das Etikett auf meiner gerade eroberten Flasche weist einen Gehalt von 8,5 Vol.-Prozent aus. Ich lasse es mir daraufhin schmecken, recht locker wird dementsprechend die Kameraführung für das Videotagebuch und ich bin schließlich recht schläfrig.

Ein Ausflug ins Grüne gegen den Kater

Der Morgen danach beginnt mit dicken Augen, Mattigkeit. Ich fühle mich verkatert. Was ist los, können das die Folgen des abendlichen Alkoholgenusses sein? Nach dem Frühstück mit reichlich gezuckertem Tee will ich an die frische Luft, die es aber nicht gibt. Der über allem liegende Dunst aus Frühnebel, Dieselabgasen der LKW, beißendem Zweitaktgemisch der knatternden Tuk Tuks, Mopeds und Rollern, Benzingestank älterer Autos, die dringend eine Vergaserjustierung bräuchten, dazu der Staub der Straßen, der Baustellen. Ich fühle mich gestresst von der Großstadt.

Aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst: das Liebesnest von Maharaja Madho Sing dem Ersten.| Liebsch

Als das Kamerateam eintrifft, bitte ich um einen Ausflug ins Grüne. Unserem Fahrer Sanjeev fällt sofort etwas ein: Unweit der Stadt soll es eine grüne, hügelige Landschaft geben. Wir fahren los.

Kurz vor der Abreise nach Indien schreibt mir Marika: Da ich bei Kollegen leben soll, wäre es doch schön, ich brächte ihnen etwas mit, das typisch ist für das Ruhrgebiet. Ich könnte auch musizieren oder kochen.

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Sanjev beim lockeren Yoga zwischendurch (Neid auf meiner Seite).| Dahlhoff

Es geht zur ehemals eigenständigen Stadt Amber, die heute zu Jaipur gehört. Auf halbem Weg taucht plötzlich auf einem Hügel die imposante Bergfestung Fort Amber auf. Erbaut im späten 16. Jahrhundert war sie zurzeit der Kachchwaha-Dynastie Regierungssitz und Königspalast. Innerhalb der Festungsmauern tummeln sich angeblich Affen. Touristen werden auf dem Rücken von Elefanten den Hügel hinauf transportiert. Straßenhändler säumen den Weg dorthin. Genau das wollte ich nicht.

Nur unser Fahrer Sanjev kann mit unserem Wunsch, Kraft im Grünen zu tanken nichts anfangen. Er wartet beim Auto und entspannt mit - für uns erstaunlichen - Yoga-Übungen.

Das Liebesnest des Maharajas

Über Umwege fahren wir zum Man Sagar Lake, einen im Jahre 1610 angelegten Stausee. Inmitten des Sees hat sich um 1750 der Maharaja Madho Sing der Erste, ein Jagdschloss für die alljährlich stattfindende Entenjagd gebaut. Unser Fahrer erzählt hinter vorgehaltener Hand, dass dieser Palast für seine Geliebte errichtet wurde, respektive als Liebesnest für den Maharaja herhalten sollte. Nach etlichen Jahrzehnten Dornröschenschlaf ist "das Nest" Jal Mahal nach umfangreichen Restaurations- und Sanierungsarbeiten seit Beginn des 21. Jahrhunderts für Touristen per Boot anfahrbar.

Ein Foto mit aufgedrehten Schulmädchen

Wir schauen uns den Wasserpalast aus der Ferne an. Die Bootsfahrt schenken wir uns. Bis eine Gruppe aufgedrehter Schulmädchen an uns herantritt, nachdem sie Marika, die hellhäutige Teamleitung entdeckt haben. Sehr respektvoll und schüchtern machen sie uns klar, dass sie ein Foto mit ihr machen wollen. Den Wunsch kann niemand abschlagen, alle sind begeistert und machen mit.

Indische Schönheiten auf Motivsuche| Dahlhoff

Ein geregelter Alltag nach Plan, Arbeit und Privatleben fließen ruhig dahin, ein Gefühl der Zufriedenheit bestimmt mein Leben. Bis die E-Mail einer alten Bekannten eintrifft, die alles auf den Kopf stellt.

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Schon ein paar Minuten später, wir stecken im dichten Straßenverkehr, hat uns die Großstadthektik wieder ein- und überholt. Von Nachhaltigkeit der Entspannung kann nicht die Rede sein, nur Sanjeev ist - wie immer - tiefenentspannt. Vielleicht sollte ich doch mal über Yoga nachdenken?

Satt macht lieb - und nachdenklich

Wir gehen bei unserem "Stamm-Inder" essen, es folgt eine rege Diskussion darüber, ob Sanjeev bei uns am Tisch sitzen darf und von uns zum Essen eingeladen werden darf, oder nicht. Für uns steht es außer Frage, aber Sanjeev sagt, er dürfe "so etwas" nicht annehmen, kann aber auch nicht richtig erklären, warum das so ist. Wir können ihn dann aber doch noch überreden, sich trotz aller Bedenken zu uns zu setzen und mit uns zu essen. Ein sehr schöner Ausklang des eigentlich ruhigen Tages.

Fündig geworden: Sie wollen ein Foto mit Marika, unserer Teamleitung.| Jäkel

Das Team wird vor dem Hotel abgesetzt, wir steigen aus und bevor es zu spät wird, nutze ich die Zeit, um meiner Mutter per Handy zum Geburtstag zu gratulieren. Das bekommt Sanjeev mit, nimmt das Telefon und singt ein indisches Geburtstagslied. Uns allen - meine Mutter eingeschlossen - läuft ein Schauer über den Rücken. Das hätte ich nicht erwartet und bin wiederum angenehm überrascht, wie die Herzlichkeit und Wärme der indischen Menschen bei mir Einzug erhält.

Umzug in die Villa der Familie Thakkar

Damit sollte die letzte Nacht in meinem mittlerweile fast liebgewonnenen Hotel anbrechen. Die Sachen werden gepackt für den zeitigen Auszug morgen, ich soll zur Familie Thakkar umsiedeln.

Zunächst zur Familie des Bruders, der mich sehr an einen Harley fahrenden Seebären erinnert. Graumelierter Bart, Turban passend zum quergestreiften Shirt, ein Ruhe ausstrahlender Herr, der auch Zahnmedizin studiert hat, dann Architektur und das auch sehr erfolgreich und gewinnbringend betreibt.

Wie viele Zimmer das Haus hat? Der Hausherr weiß es nicht so genau ...

Die riesige Villa liegt in einem sehr ruhigen Viertel, es ist überhaupt keine Geräuschkulisse zu vernehmen. Meine Frage nach der Anzahl der Zimmer wird mit einem Schulterzucken des Hausherrn beantwortet. Er wisse es nicht genau und sie bräuchten ja sowieso nur eins, weil die ganze Familie - drei Generationen - immer zusammen in einem Raum schläft.

In Jaipur fährt der Seebär Harley: Der Bruder meines Gastgebers, ein erfolgreicher Architekt, der übrigens auch Zahnmedizin studiert hat.| Liebsch

Die zwei Hausangestellten bewohnen einen Teil der zweiten Etage, in dem anderen Flügel kann ich mich ausbreiten. Zu Beginn der Reise habe ich mir Gedanken über die Unterschiede in der Patientenbehandlung gemacht, auch mit sehr deutlichen Variationsmöglichkeiten gerechnet. Diese kennen zu lernen war geplant, jedoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass die ganz alltäglichen Dinge, Lebensweisen und der Umgang miteinander, so deutliche - noch deutlichere - Spuren und Nachfragen hinterlassen ...

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