Kommentar Prof. Martin Kunkel

„Nice Change“

Bereits im vergangenen Jahr hat Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel (Bochum) in Bezug auf den Artikel „A change in the NICE guidelines on antibiotic prophylaxis“, veröffentlicht im British Dental Journal, ausgeführt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn Empfehlungen auf formal höchstem Evidenzniveau erarbeitet werden. In „Der MKG-Chirurg“ findet sich ein aktueller Kommentar, der hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags nachgedruckt wird:

© zm

Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel © privat

Der aufmerksame Leser der „Mund-, Kiefer-und Gesichtschirurgie“ konnte in den vergangenen Jahren an dieser Stelle immer wieder einmal Hinweise zu Studien finden, die dem „Mainstream“ der gesundheitspolitischen „Correctness“ und dem Wunsch nach einer universellen Abbildung der Medizin in formaler Studienevidenz und justiziablen Empfehlungen widersprochen haben. In der Regel handelte es sich um Studien, die interessante Aspekte zur gängigen Rechtsprechung beigetragen [Garisto GA, 2010], mit fragwürdigen Lehrmeinungen und Leitlinien gebrochen [Balevi B, 2010; Healey JS et al., 2012; Douketis JD, 2015] oder sich mit unverständlichen gesundheitspolitischen Vorgaben [Dayer MJ, 2015; Thornhill MH, 2015] kritisch auseinandergesetzt haben.

Häufig verhallen solche kritischen „Zwischenrufe“ im klinischen und wissenschaftlichen Routinebetrieb, der sich schnell wieder dem nächsten vielversprechenden Thema zuwendet, oder werden als Ausdruck der Schrulligkeit unverbesserlicher Nörgler abgetan. Umso erfreulicher ist es dann, wenn sich selbst übermächtige staatliche Organisationen wie das britische National Institute of Clinical Excellence  (NICE) schließlich den Realitäten beugen müssen, die von einer qualifizierten und konsequenten Arbeitsgruppe [Thornhill, Dayer et al.] unerbittlich in den Fokus der wissenschaftlichen Öffentlichkeit gebracht wurden. In der Folge hat nun, nach mehr  als acht Jahren, das NICE seine Position  zur Endokarditisprophylaxe revidiert und seine kategorische Ablehnung der antibiotischen Prophylaxe bei dentalen Eingriffen relativiert.

Entlarvend ist dabei nicht nur die Vorgehensweise – die Änderung erschien ohne Ankündigung und Kommentierung einfach auf der Homepage des NICE –, sondern auch der zeitliche Ablauf. Die Änderung wurde vorgenommen, nachdem sich zwei Witwen, deren Ehemänner an infektiösen Endokarditiden nach Zahnreinigungen ohne Endokarditisprophylaxe verstorben waren, mit der Unterstützung eines Parlamentsabgeordneten gegen das NICE gewandt hatten und insoweit eine öffentliche politische Diskussion der Endokarditisproblematik im Vereinigten Königreich drohte. An dieser Stelle war dann die Studienlage im Hinblick auf fehlende prospektiv randomisierte Studien urplötzlich kein Problem mehr. Beruhigend ist an dieser Stelle, dass sich  letztlich Konsequenz und eine gewisse Hartnäckigkeit der wissenschaftlichen Seite (mit situativer politischer Unterstützung) gegen gesundheitsökonomisch dominierte Positionen durchsetzen konnten. Bedauerlich ist, dass bis zur Kehrtwende des NICE rund 400  Patienten völlig unnötig gestorben sind.  Für die Angehörigen wird es sicher nur  ein schwacher Trost sein, dass die Empfehlungen, die letztlich den Tod ihrer Eltern, Kinder oder Partner verursacht haben,  auf dem höchsten formalen Evidenzniveau erarbeitet wurden.

Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel
Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische  Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum

In der Schornau 23–25, 44892 Bochum
martin.kunkel@ruhr-uni-bochum.de


Quelle: ,,NICE Change – Endokarditisprophylaxe heimlich, still und leise und ganz ohne prospektiv randomisierte Studie“,  MKG-Chirurg 2017 · 10:45–46
DOI 10.1007/s12285-016-0079-9
Online publiziert: 20. Dezember 2016


Alle Artikel zum IQWiG-Vorbericht "Parodontitistherapie"

Sie haben gerade eine Paro-Fortbildung gebucht? Stornieren Sie! Wollten Sie gar jetzt im Februar zum Chicago Midwinter Meeting und sich das Symposium über „Perio-Systemic Inflammation Reducing Strategies“ leisten? Fahren Sie lieber an die Niagara-Fälle, sofern Mr. Trump Sie ins Land lässt. Und kommen Sie bloß nicht auf den Gedanken, in neue Paro-Behandlungsgeräte zu investieren. Rausgeschmissenes Geld! Sie lesen das Journal of Clinical Periodontology – an fünfter Stelle von 83 fachspezifischen Zeitschriften mit seinem Impact Factor von 3,688? Zeitverschwendung!

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„Meine Meinung zum IQWiG-Vorbericht? Die Wörter, die mir spontan in den Sinn kommen, dürfen Sie gar nicht drucken, so wütend bin ich!“ Nicht nur aus den Büroräumen der Unikliniken hört man derzeit solche Ausrufe.

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Der Auftrag ist klar umrissen: Das IQWiG soll die systematische Behandlung der Parodontopathien überprüfen. Das Institut legt los, sucht und findet 6.004 wissenschaftliche Arbeiten. 573 davon sind potenziell relevant. Doch nur 43 Publikationen zu 35 Studien genügen seinen strengen Kriterien. Das hat Folgen. Warum? Weil mangels Evidenz der Parodontitistherapie der Nutzen abgesprochen wird.

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Die Kritik am „heiligen Evidenz-Gral“ des IQWiG ist gar nicht so neu. Bereits vor Jahren hatte das renommierte British Medical Journal auf die Konzeptgrenzen hingewiesen. Nähern wir uns dem kritisierten Sachverhalt – glossierend. Denn Sie müssen es glauben: Fallschirme können keinen Nutzen haben.

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Die ersten Reaktionen reichten von ungläubigem Entsetzen über Kopfschütteln bis zum Türenknallen. Der IQWiG-Vorbericht, der einen Großteil der Parodontaltherapie quasi über Nacht für nutzlos erklärte, hat ohne jeden Zweifel für Unmut gesorgt. Die Zahnärzteschaft will sich damit nicht geschlagen geben. Im Gegenteil.

Bereits im vergangenen Jahr hat Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel (Bochum) in seiner Publikation „A change in the NICE guidelines on antibiotic prophylaxis“, veröffentlicht im British Dental Journal, ausgeführt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn Empfehlungen auf formal höchstem Evidenzniveau erarbeitet werden. In „Der MKG-Chirurg“ findet sich ein aktueller Kommentar, der hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags nachgedruckt wird.

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Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische  Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum
In der Schornau 23–25,
44892 Bochum

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