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Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS • 6)

Fazit: Das sind die Konsequenzen für die Versorgung

Die Themen Karies, Restaurationen, Parodontitis und Systemerkrankungen wurden in der DMS • 6 näher untersucht. © Sudarsan Thobias - stock.adobe.com
A. Rainer Jordan
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Im vergangenen Jahr hatte das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) die ersten Ergebnisse der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS • 6) vorgestellt, dieses Jahr folgten die Auswertungen aus der Wiederuntersuchung der ­Studienteilnehmenden der Vorgängerstudie. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus den beiden Untersuchungen für die zahnmedizinische Versorgung?

Der erste Teil der Studie bezog sich auf die derzeitige Verbreitung (Prävalenz) oraler Krankheiten in der Bevölkerung. Die zentrale Botschaft lautete: Prävention wirkt – nachhaltig! Mithilfe der longitudinalen Verlaufsbeobachtung können wir nun die Erkrankungsverläufe (Progression) und deren Initiation (Inzidenz) betrachten und nachvollziehen, wie sich orale Erkrankungen über einen Zeitraum von gut neun Jahren entwickeln. Aus der Zusammenschau dieser beiden Datenquellen lassen sich folgende Haupterkenntnisse aus der DMS • 6 ableiten:

Erhöhte Kariesdynamik ­während der Adoleszenz

Mit den neuen Ergebnissen schließen wir gewissermaßen eine Lücke in der Kariesepidemiologie, denn unsere bisherigen Mundgesundheitsstudien konzentrierten sich auf die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Altersgruppen für oralepidemiologische Untersuchungen: 12-Jährige sowie 35- bis 44-Jährige. Zwischen diesen Altersgruppen bestehen jedoch erhebliche Unterschiede in der Mundgesundheit.

Unsere longitudinalen Daten zeigen, dass die Adoleszenz ein kritisches Alter zur Aufrechterhaltung eines kariesfreien Gebisses ist, denn in diesem Jahrzehnt reduziert sich der Anteil kariesfreier Personen um die Hälfte auf 48 Prozent. Gleichzeitig sehen wir Unterschiede in der Dynamik der Kariesentwicklung, je nachdem, ob bereits eine Karieserfahrung vorlag oder ob man kariesfrei in diesen Lebensabschnitt geht: Mehr als jeder zweite Jugendliche, 54 Prozent, der bereits eine Karieserfahrung aufwies, zeigte eine weitere Progression der Erkrankung.

DMS • 6 en détail

Alle Informationen und Erkenntnisse der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie in fünf Beiträgen:

Bei kariesfreien Kindern hingegen waren es lediglich 43 Prozent. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass das Ausmaß mit durchschnittlich einem zusätzlichen Zahn moderat ausfällt. Diese Morbiditätsdynamik bei der Kronenkaries nimmt dann im weiteren Verlauf ­wieder ab.

Wesentliche Parodontitisprogression bei Erwachsenen

Neben der Karies ist die Parodontitis die epidemiologisch bedeutsamste chronische Erkrankung der Mundhöhle. Wir hatten bereits über die hohe Verbreitung in der Bevölkerung berichtet. Wir gehen davon aus, dass 14 Millionen Menschen in Deutschland an einer schweren Parodontalerkrankung leiden. Meist werden lange Phasen der Stagnation, in denen Parodontitis gut kontrolliert werden kann, durch kurzzeitige Episoden der Progression mit einer hohen Erkrankungsaktivität unterbrochen und es kommt zu einem raschen Fortschreiten der Erkrankung.

Den grundsätzlich langsamen, chronischen Verlauf der Parodontitis erkennen wir beispielsweise daran, dass die mittlere Tiefe der Zahnfleischtaschen bei Erwachsenen in 9 Jahren lediglich um 0,2 mm und bei Senioren sogar nur um 0,1 mm zunimmt. – Im Erwachsenenalter erkranken allerdings 63 Prozent vormals parodontal gesunde Menschen neu und bei 19 Prozent verschlechtert sich eine bereits bestehende Parodontitis in eine schwere Verlaufsform. In dieser Zeit kommt es zu einer Verdopplung der schweren Parodontitisfälle.

Eine entscheidende parodontale Erkrankungsprogression findet also im mittleren Erwachsenenalter, zwischen 40 und 50 Jahren, statt – und nicht erst im Seniorenalter. Aber im Seniorenalter werden zurzeit die meisten Parodontitisbehandlungen durchgeführt – zu spät also!

Sozialer Gradient bei chronischen Erkrankungen

Karies ist nach der Global Burden of Disease Study die weltweit häufigste chronische Erkrankung; Parodontitis liegt auf Rang 6. Sie gehören mit weiteren chronischen Krankheiten – wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes – zu den lebensstilabhängigen und damit grundsätzlich vermeidbaren Erkrankungen der Menschheit.

Aufgrund dieser Gemeinsamkeiten überrascht es nicht, dass sie sich auch untereinander bedingen. Denn sie weisen gemeinsame Risikofaktoren auf. Die am komplex wirkenden sind die Ernährung (insbesondere Zuckerkonsum) sowie Rauchen und Alkohol. Auf die Zusammenhänge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit den chronischen Erkrankungen der Zähne und der Mundhöhle hatten wir bereits hingewiesen: Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen weisen häufiger schwere parodontale Erkrankungen auf; sie sind häufiger zahnlos und ihnen fehlen durchschnittlich zwei Zähne mehr. Sie besitzen dementsprechend weniger funktionstüchtige Zähne.

Die Zusammenhänge zu Typ-2-Diabetes sind noch deutlicher: In allen Bereichen, bei der Karies, der Parodontitis, den fehlenden Zähnen, haben Menschen mit Diabetes eine schlechtere Mundgesundheit. Sie sind 4-mal so häufig zahnlos. Gleichzeitig gehen sie bei Beschwerden fast doppelt so häufig in die zahnärztliche Praxis – statt regelmäßig zur Vorsorge. Hier zeichnet sich genauso ein spezialisierter Präventionsbedarf ab wie die Notwendigkeit der interprofessionellen Zusammenarbeit und Überwindung von Sektorengrenzen in der gemeinsamen medizinischen Versorgung.

Präventionsexpansion und Morbiditätskompression

Die Erfolge der systematisch ab dem Milchgebiss einsetzenden Kariesprävention reichen mittlerweile bis in das Erwachsenenalter und man kann diese Entwicklung als Präventionsexpansion bezeichnen. Gleichzeitig stellt sich am Ende des Lebensbogens eine Morbiditätskompression bei wichtigen Parametern der Mundgesundheit dar. Präventionsexpansion und Morbiditätskompression sind also zwei Seiten einer Medaille.

Morbiditätskompression bedeutet aber auch eine Verschiebung des Versorgungsbedarfs ins höhere Lebensalter. Allein seit 1989 haben sich die zahnmedizinischen Behandlungsbedarfe im Seniorenalter mehr als verdoppelt. Infolge des stark zugenommenen ­Zahnerhalts hat sich der totale Zahnverlust bei jüngeren Senioren in den letzten 35 Jahren auf ein Viertel, von 24 Prozent auf 5 Prozent, reduziert und so hat sich der Bedarf an zahnärztlicher Prothetik entsprechend verändert.

Mehr Zähne im Alter bedeuten aber gleichzeitig mehr Zähne im Risiko für zahnmedizinische Erkrankungen. Und so steigt der Behandlungsbedarf im Alter, sowohl in der Zahnerhaltung als auch bei der Parodontitis, kontinuierlich an.

Zusammenfassung

  1. Die bisherigen Ergebnisse der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie haben eine weitere Ausbreitung der Präventionserfolge bei Karies und Zahnverlusten bis ins Erwachsenenalter gezeigt. Sie bewirken eine Präventionsexpansion in der ersten und eine Morbiditätskompression in der zweiten Lebenshälfte und führen zu deutlich steigenden zahnmedizinischen Versorgungsbedarfen im Alter.

  2. Gleichzeitig weisen die chronischen, lebensstilabhängigen Erkrankungen einen sozialen Gradienten auf. Die Risikogruppen können wir mittlerweile gut charakterisieren, ebenso wie günstiges Mundgesundheits- und Hygieneverhalten. Für diese Bevölkerungsgruppen müssen wirksamere Präventionsstrategien entwickelt und zur Wirkung gebracht werden.

  3. Die Kariesaktivität nimmt während der Adoleszenz wieder zu. Die Unterstützung zur Aufrechterhaltung einer wirksamen Mundhygiene und eines entsprechenden Mundgesundheitsverhaltens in dieser Zeit sollte einen entsprechenden Stellenwert im Rahmen der zahnärztlichen Prophylaxe erhalten.

  4. Die größte sozialmedizinische Aufgabe besteht in einer nachhaltigen Senkung der hohen parodontalen Erkrankungslasten.


Unsere Erfahrungen aus der Kariesprävention zeigen dazu den Weg auf: Erstens muss die Behandlung der bestehenden (14 Millionen schweren) Erkrankungsfälle intensiviert werden, um die aktuellen Erkrankungslasten zu senken. Dies ist quasi Aufgabe der Tertiärprävention. Wir haben auch gesehen, dass – bevölkerungsweit – eine hohe parodontale Erkrankungsaktivität bereits im Erwachsenenalter stattfindet, sodass wir dahin kommen müssen, Parodontitis frühzeitig zu behandeln – und zwar bevor die Erkrankung in ein schweres Stadium übergeht: durch Früherkennung (Screening) und Frühbehandlung. Das ist die Aufgabe der Sekundärprävention.

Langfristig entscheidend ist allerdings eine nachhaltige Senkung neuer Erkrankungsfälle, also der Inzidenzen. Bei der Karies wurde dieses Ziel unter anderem mit der Sensibilisierung in der Gruppen- und Individualprophylaxe erreicht. Die grundsätzlichen Strukturen sind etabliert. Ich halte die Vermittlung parodontitisrelevanter Kenntnisse und Mundhygienefertigkeiten mit der Entwicklung des bleibenden Gebisses für ganz wichtig, gemäß dem Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Das wäre dann Aufgabe der primären Prävention.

Mit einer deutlichen Senkung der parodontalen Erkrankungslasten können wir weiterhin den lebenslangen Zahnerhalt fördern und tragen als Zahnmediziner zur allgemeinen Gesundheitsförderung der Bevölkerung bei, denn wie der berühmte finnische ­Epidemiologe und Parodontologe Jukka Ainamo schon sagte: The dentition is intended to last a lifetime.

Prof. Dr. med. dent. A. Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ)

Prof. Dr. med. dent. A. Rainer Jordan

Wissenschaftlicher Direktor
Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ)
Universitätsstr. 73, 50931 Köln

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