Fakten allein überzeugen nicht
Bei der Tagung wurden die Teilnehmenden eines Workshops gebeten, sich an einem Rollenspiel zu beteiligen, bei dem sich zwei Lager von Politikerinnen und Politikern gegenüberstanden: Die eine Seite sollte eine befürwortende Haltung zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) einnehmen, die andere eine WHO-kritische. „Wir wollten testen, wie gut wir als Public-Health-Fachkräfte ein Publikum aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit von evidenzbasierten, praxisorientierten Botschaften zum Thema Schutz der öffentlichen Gesundheit überzeugen können“, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Evidenz verfängt nicht beim Publikum
Die WHO-befürwortende Seite verwendete evidenzbasierte Argumente, die WHO-kritische Seite Fehlinformationen und populistische Argumente. Sie behauptete beispielsweise, die WHO sei distanziert, politisiert, nicht rechenschaftspflichtig und verberge Informationen vor der Öffentlichkeit.
„Die Ergebnisse der Debatte waren verblüffend“, berichten die Autorinnen und Autoren. „Während des Workshops stellten wir fest, dass es selbst für ein Publikum aus Fachleuten des öffentlichen Gesundheitswesens einfacher war, der Anti-WHO-Seite zu folgen.“ Wenig überraschend habe sich das Publikum bei einer Abstimmung mehrheitlich dafür ausgesprochen, der WHO die Unterstützung zu entziehen.
„Wir rufen die gesamte Gemeinschaft im Bereich der öffentlichen Gesundheit dazu auf, zu überdenken, wie wir Erkenntnisse präsentieren [...] sowie narrative Ansätze nutzen, um unsere Botschaften zu vermitteln.“
Avi Magid et al.
Viele Teilnehmende sagten, sie hätten die emotional geprägte, nicht evidenzbasierte Argumentation der gegnerischen Seite als überzeugender empfunden. Die Pro-WHO-Seite hingegen hätte es nicht geschafft, wissenschaftliche Erkenntnisse in überzeugende Botschaften zu übersetzen.
Ein klassischer Kampf gegen Windmühlen?
Daraus ergibt sich für die Initiatoren des Experiments folgende Schlussfolgerung: „In einer Welt, in der alles gesagt werden kann, unabhängig davon, ob es der Wahrheit entspricht, kämpfen wir mit begrenzten Ressourcen gegen die gut ausgestatteten Taktiken der anderen, nicht evidenzbasierten Seite.“
Viele Studien belegten, dass Falschinformationen mehr Menschen erreichten und sich schneller verbreiteten als Wahrheiten – unter anderem aufgrund der emotionalen Art, in der sie kommuniziert würden. Zudem sei die Anti-WHO-Erzählung so erfolgreich gewesen, weil die Argumente einfach zu verstehen waren. „Im Gegensatz dazu wirkten die Pro-WHO-Argumente eher technisch, institutionell und abstrakt. Sie waren zwar korrekt, aber weniger einprägsam“, resümieren die Forschenden. Sie kommen außerdem zu dem Schluss: „Wir gehen immer noch davon aus, dass Fakten für sich selbst sprechen – das tun sie jedoch nicht.“
So sollte sich Public-Health-Kommunikation verändern
Der Workshop hat aus Sicht der Initiatoren verdeutlicht, dass Gesundheitsbotschaften neu formuliert werden müssen. Sie schreiben: „Appelle zur globalen Zusammenarbeit oder zu 'Gesundheit für alle' mögen zwar für die Identität des öffentlichen Gesundheitswesens von zentraler Bedeutung sein, finden bei unseren Zielgruppen jedoch weniger Anklang. Botschaften, die auf persönlicher Relevanz, nationalen Interessen oder dem Wohlergehen der Gemeinschaft basieren, könnten wirksamer sein.“
Damit Public-Health-Fachkräfte Falschinformationen entgegenwirken könnten, müssten sie in Bereichen wie Framing und Debattierfähigkeit geschult werden. Viele dieser Kompetenzen seien nach wie vor „unterentwickelt“.
Die Forschenden verbinden ihr Experiment mit einem Appell: „Wir rufen die gesamte Gemeinschaft im Bereich der öffentlichen Gesundheit dazu auf, zu überdenken, wie wir Erkenntnisse präsentieren, Verhaltens- und Politiktrends in unsere Kommunikation integrieren und visuelle sowie narrative Ansätze nutzen, um unsere Botschaften zu vermitteln.“
Avi Magid et al., How to communicate evidence against catchy erroneous arguments?, European Journal of Public Health, Vol. 36, No. 3, https://doi.org/10.1093/eurpub/ckag003









