Jede fünfte Person berichtet von erhöhter Stressbelastung
Stress und seine Bewältigung (Coping) sind zentrale Determinanten der psychischen Gesundheit, jedoch liegen für Deutschland kaum repräsentative Daten vor. Eine Studie liefert jetzt bevölkerungsbezogene Ergebnisse zur Häufigkeit von Stress, Coping und deren Zusammenhang. Die Datenerhebung erfolgte über das RKI-Panel „Gesundheit in Deutschland“, das wiederholt die deutschsprachige Bevölkerung in Privathaushalten befragt und so Entwicklungen im Zeitverlauf abbilden kann.
Die Daten stammen aus der Jahreserhebung 2024 des Panels. Für die Analysen wurden Daten von mehr als 14.000 Frauen und 12.000 Männern ausgewertet. Es erfolgten deskriptive Analysen von Stress (Perceived Stress Scale; PSS-10) und Coping (Short Adult Coping Scale; SACS-16) nach Geschlecht, Alter und Bildung sowie Regressionsanalysen zu deren Zusammenhängen.
Copingstrategien dienen dazu, den mit der Situation verbundenen emotionalen Stress zu regulieren und/oder das Problem, welches den Stress verursacht, zu bewältigen. Ziele von Coping können sowohl unmittelbarer (zum Beispiel zur Regulation biophysiologischer Stressreaktionen) als auch mittelbarer Natur (zum Beispiel normgerechtes soziales Funktionieren) sein. Copingstrategien können in Abhängigkeit von ihrer Wirkung auf die psychische Gesundheit unterschieden werden. Copingstrategien, die versuchen, die Situation aktiv zu beeinflussen (zum Beispiel Problemlösung, Planung oder instrumentelles Handeln) gelten häufig als adaptiv und sind mit besserer psychischer Gesundheit verbunden. Strategien, die sich eher von der Situation abwenden (zum Beispiel Vermeidung oder ständiges Aufschieben) oder einen zu starken Fokus auf den Stressor legen, ohne diesen zu beheben (etwa Katastrophisieren) gelten häufig als maladaptiv und gehen häufig mit schlechterer psychischer Gesundheit einher. Adaptives oder maladaptives Coping sind jedoch definitions- und in ihrer Wirkung kontextabhängig. Als flexibles Coping wird die Fähigkeit bezeichnet, Strategien situationsangemessen zu variieren. Es ist mit einem geringeren Stresserleben beziehungsweise einer besseren psychischen Gesundheit assoziiert.
Ergebnisse: 19,9 Prozent der Befragten berichten von einer erhöhten Stressbelastung, Frauen (11,5 Prozent) mehr als Männer (8,4 Prozent). Und auch bei Personen im erwerbsfähigen Alter und Personen mit niedrigen und mittleren formalen Bildungsabschlüssen waren die Werte leicht erhöht.
Die Forschenden schreiben dazu: „Junge Personen zwischen 18 und 29 Jahren berichteten das höchste Stresserleben. Mit zunehmendem Alter wurde bis zur Altersgruppe 65 – 79 Jahre ein niedrigeres Stresserleben berichtet. In der ältesten Altersgruppe (80–99 Jahre) war das Stresserleben wieder etwas höher, jedoch im Vergleich zu den jungen Erwachsenen immer noch signifikant niedriger.“ Zudem zeigten sich Unterschiede nach Bildung, wobei Personen der höheren Bildungsgruppe weniger Stress berichteten. Die gefundenen Unterschiede nach Alter und Bildung trafen nahezu vollständig auch auf Frauen und Männer getrennt zu.
Diese Strategien helfen
Die am häufigsten angegebenen Copingstrategien waren Problemlösen (Handlungen, die die Ursache des Stresses verändern sollen), Beharrlichkeit (Fleiß und Ausdauer trotz Herausforderungen oder Schwierigkeiten im Verfolgen eines Ziels) und Coping-Flexibilität. Am seltensten angegeben wurden Verdrängung (definiert als „Verhaltensmuster und innere Haltungen, die auf der Vermeidung negativer Emotionen beruhen“), Wunschdenken (Fantasieren oder darauf hoffen, dass sich die Situation verbessert, ohne aktiv etwas zu verändern) sowie Proaktives Coping (Bewältigung, ausgerichtet auf zukünftige (nicht aktuelle) Stressoren und Chancen mittels Ressourcenaufbau als Vorbeugung von Problemen).
Die Copingstrategien Coping-Flexibilität, Problemlösen und Proaktives Coping waren signifikant mit geringerem Stresserleben, Verdrängung und Wunschdenken mit höherem Stresserleben assoziiert. Höhere „Emotionale Unterstützung“ (Einholen von sozialer Unterstützung, um moralische Unterstützung, Mitgefühl oder Verständnis zu erhalten) hing lediglich signifikant positiv mit dem Faktor Wahrgenommene Hilflosigkeit nicht aber Wahrgenommene Selbstwirksamkeit zusammen. Kein signifikanter Zusammenhang lag zwischen Stress und „Instrumenteller Unterstützung“ (Einholen von sozialer Unterstützung, um Beratung, Hilfe oder Informationen zu erhalten) und Beharrlichkeit vor.
Die Ergebnisse unterstreichen aus Sicht der Forschenden die Public-Health-Relevanz von Stress und weisen auf mögliche Ansatzpunkte für Präventionsmaßnahmen durch die Förderung geeigneter und zielgruppenspezifischer Copingstrategien hin.
Kersjes C. et al., Wahrgenommener Stress und Coping bei Erwachsenen in Deutschland: Ergebnisse aus dem Panel „Gesundheit in Deutschland“ 2024. J Health Monit. 2026;11:08. doi: 10.25646/14239









