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33. Zahnärztetag der KZV Schleswig-Holstein

KI in der Zahnmedizin: „Wir verstehen nicht, was wirklich passiert“

Michael Fischer
Zahnmedizin
Von Chairside-Fertigung bis zu automatisierter Röntgenanalyse: Beim 33. Zahnärztetag der KZV Schleswig-Holstein ging es um Chancen, Grenzen und offene Fragen von KI und digitalen Tools in der Zahnmedizin.

Digitale Prozesse und künstliche Intelligenz (KI) kommen sowohl in der zahnmedizinischen Forschung als auch bei der Diagnose und Behandlung in den Praxen zum Einsatz. Was bei KI und digitalen Anwendungen heute bereits geht und morgen kommen könnte – das stand schwerpunktmäßig im Zentrum des diesjährigen Zahnärztetags der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KZV S-H), der am 14. März mit rund 2.000 Teilnehmenden in Neumünster stattfand.

Dr. Michael Diercks, Vorstandsvorsitzender der KZV S-H, erinnerte in seiner Begrüßungsrede daran, dass „Menschen schon immer denkende Maschinen erschaffen und menschenähnliche Wesen bauen wollten“ – angefangen beim Golem der jüdischen Mystik über Frankenstein bis zu den Robotern und künstlichen Gestalten aus zahlreichen Science-Fiction-Filmen der vergangenen Jahrzehnte. Die Zahnmedizin sei zwar weit entfernt vom Alltag in diesen Filmen, doch schon lange ersetzten digitale Abdrücke klassische Abdruckverfahren, und 3D-Druck ermögliche Zahnersatz in einer Geschwindigkeit und Präzision, die vor wenigen Jahren undenkbar waren. Für die Ergebnisse und die weitere Entwicklung von KI trage auch die Zahnmedizin Verantwortung. Dass KI Chancen und Innovationen für die Praxis, zugleich aber auch Risiken biete, betonte ebenso Dr. Romy Ermler, Präsidentin der Bundeszahnärztekammer, in ihrem Grußwort. „KI wird uns in der Zahnärzteschaft nicht ersetzen“, sagte sie und outete sich als „großer KI-Fan“.

Rezept für Heilung: Bürokratierückbau

Philipp Amthor, Mitglied des Deutschen Bundestages und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, sagte in seinem Festvortrag zum Thema „Transformation zu einem modernen, effizienten und digital handlungsfähigen Staat“, dass sich Deutschland zuletzt „verknotet“ habe. Der Staat sei zu langsam und kompliziert geworden. Das Rezept der Bundesregierung für die Heilung sei Bürokratierückbau und das Streichen von Regelungen und Komplexität. „Außerdem arbeiten wir für bessere Rechtsetzung und mehr Qualität unserer Gesetze und mehr Einbeziehung der Praxis“, erklärte Amthor. Daher sei es ihm auch wichtig, mit der Bundeszahnärztekammer und anderen öffentlichen Körperschaften und Verbänden einen engen Austausch zu pflegen.

Die Fachvorträge auf dem Zahnärztetag markierten thematisch das weite Feld der digitalen und KI-unterstützten Zahnmedizin: von der Onlineterminvereinbarung über digitale Tools für den effizienten Workflow, von Intraoralscannern als festem Bestandteil moderner Diagnostik bis hin zu den zukunftsweisenden Entwicklungen in der P4-Medizin.

Zu den sichtbarsten Veränderungen der digitalen Zahnmedizin gehört die Herstellung indirekter Restaurationen in nur einer Behandlungssitzung. Beim Chairside-Konzept, das im Zentrum des Vortrags von Prof. Dr. Sven Reich vom Universitätsklinikum Aachen stand, erfolgt der gesamte Workflow dank digitaler Tools und KI direkt in der Praxis: von der Präparation über den Intraoralscan und das CAD-Design bis zur CAM-Fertigung und Eingliederung der Restauration. Reich zeigte unter anderem, wie mit Einsatz von KI Präparationsgrenzen erkannt oder Vorschläge für Kronendesign generiert werden können.

Das „Collingridge-Dilemma“

Einen Überblick über das Heute und einen Ausblick auf das Morgen der Zahnmedizin gab Prof. Dr. Falk Schwendicke von der Ludwig-Maximilians-Universität München in seinem Vortrag. Er zitierte eine eigene aktuelle Studie, die belege, dass bei der automatisierten Analyse von Röntgenbildern Karies, apikale Läsionen oder Knochenveränderungen mittlerweile weitgehend zuverlässig erkannt werden. Er verwies auf die Bedeutung agentischer Systeme für die Zahnmedizin und betonte, dass bei allem Einsatz digitaler Tools und KI-Unterstützung in der Praxis nie das Ziel sei, „den Zahnarzt zu ersetzen, sondern diagnostische Sicherheit zu erhöhen und Entscheidungen zu unterstützen.“ KI entwickele sich rasant. Wohin die Reise gehe, sei nicht absehbar. Wir befänden uns im „Collingridge-Dilemma“, das besagt, dass wir eine Technologie entweder zu einem Zeitpunkt beeinflussen können, an dem wir ihre Auswirkungen noch nicht kennen, oder wir kennen die Auswirkungen erst dann, wenn die Technologie bereits so tief in der Gesellschaft verankert ist, dass eine Steuerung kaum noch möglich ist. „Genau an dem Punkt sind wir gerade. Wir verstehen nicht, was wirklich passiert.“

Michael Fischer

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