Primärversorgung: Ohne Akzeptanz der Patienten geht es nicht
Die Bundesregierung will die Primärversorgung neu ordnen. Im Sommer will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) dazu einen Gesetzentwurf vorlegen. Doch wie sollen Patientinnen und Patienten durch das System begleitet werden? Welche Strategien sind notwendig, um eine breitere Akzeptanz der Telemedizin bei Patienten und Leistungserbringern zu fördern? Darüber diskutierten am Donnerstagabend in Berlin Dr. Sibylle Steiner, Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gematik-Geschäftsführer Dr. Florian Fuhrmann und Dr. Reiner Kern, Group Director Communications and Public Affairs bei der Versandapotheke DocMorris.
Im Mai hat die Bundesregierung den Entwurf eines Gesetzes für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) vorgelegt. Mit dem Gesetz sollen die technischen Weichen für ein Primärversorgungssystem gestellt werden, informierte KBV-Vorständin Steiner. Wie ein solches System und eine digitale Ersteinschätzung aussehen solle, sei aber noch unklar. Für einen digitalen Zugang sei die Akzeptanz der Patienten wichtig.
Einig waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde, dass der digitale Zugang zu einem neuen Primärversorgungssystem auch künftig nicht der einzige sein kann. „Es muss mehrere Wege geben. Der digitale Zugang wird für viele Menschen aber bald der erste sein“, zeigte sich gematik-Geschäftsführer Fuhrmann überzeugt. Allerdings werde der Gang zur Hausärztin oder zum Hausarzt weiterhin wichtig bleiben.
Steiner: Ersteinschätzung ist „ein ärztliches Thema"
Das neue System müsse standardisiert sein, forderte Steiner. Zudem müsse noch viel Energie in medizinische Ersteinschätzung investiert werden. „Das ist ein ärztliches Thema. Es darf keine Steuerung nach Kassenlage geben“, stellte sie klar.
Bislang gebe es für die Patienten noch keine „sauberen Pfade“, mit denen sie durch das Gesundheitssystem geleitet werden, monierte Reiner Kern, Pressesprecher bei der Versandapotheke DocMorris. Dadurch fehle Orientierung. Entscheidend sei es daher, für ein neues System einheitliche Zugangsregeln festzulegen. Zugleich sollte es viele verschiedene Zugangspunkte geben, also „unterschiedliche Türen geben, wie man in die Versorgung hineinkommt“. Für den einen könne der Hausarzt der richtige Weg sein, für den anderen die Apotheke, für den nächsten ein digitaler Zugang, erläuterte Kern.
Steiner betonte, dass nicht nur über die elektronische Patientenakte (ePA) gesprochen werden dürfe, da sie freiwillig sei. Es müsse auch andere Zugangsmöglichkeiten für eine digitale Ersteinschätzung geben. Videosprechstunden und Telekonsile seien bereits digitale Anwendungen, die in Arztpraxen im Einsatz sind.
Kontroverse um assistierte Telemedizin in Apotheken
Dass Apotheken ab 1. Juli assistierte Telemedizin anbieten dürfen, bezeichnete Steiner als „überflüssig“. „Das wird nicht funktionieren und dafür gibt es keine Notwendigkeit“, erklärte sie. Ein Anwendungsfall für assistierte Telemedizin in Apotheken soll das strukturierte medizinische Ersteinschätzungsverfahren zur Vorbereitung einer Videosprechstunde sein. Dabei können Apotheken Videosprechstunden in ihren Beratungsräumen anbieten und Patienten ermöglichen, aus der Apotheke heraus mit einer Arztpraxis zu kommunizieren.
Laut Kern bietet das neue Angebot Patienten die Möglichkeit, in einer Apotheke telemedizinischen Bedarf mit einem Arzt zu klären. Zu diesem Thema äußerte sich auch Anke Rüdinger, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) und Mitglied im Vorstand der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), die im Publikum saß. Ihr zufolge ist das neue Angebot eine sinnvolle Ergänzung und kann dazu beitragen, das Gesundheitssystem zu entlasten. Schon jetzt gebe es in Apotheken täglich Ersteinschätzungsfälle. In Zeiten außerhalb der Sprechstunden bleibe dann oft nur der Verweis auf die Rettungsstellen. Bei den Videosprechstunden wolle die Apothekerschaft mit einem Pool von Ärzten zusammenarbeiten. „Wir laden die KVen ein, gemeinsam mit uns ein Konzept zu entwickeln“, so Rüdinger.


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