SARS-CoV-2 findet in vielen Organen gute Bedingungen zur Replikation
Die Spätfolgen einer COVID-19-Erkrankung beschäftigen Medizin und Forschung zunehmend. Sie reichen von Erschöpfung und Atemnot über Depressionen bis hin Konzentrationsstörungen und Organschäden, vor allem an Leber, Nieren und Lunge. Dabei können die anhaltenden, unbehandelten Symptome Folgeschäden erzeugen. Erste medizinische Einrichtungen spezialisieren sich auf die Behandlung von Folgebeschwerden. Eine neue US-Studie belegt zudem, dass das Virus nicht nur in den oberen Atemwegen, sondern auch in verschiedenen Organen vermehrt auftritt.
DieUniklinik Jena(UKJ) hat Mitte August eine Post-COVID-Ambulanz eröffnet. Hier arbeiten Neurologen, Kardiologen, Pneumologen, Psychiater, Gastroenterologen, Arbeitsmediziner, Internisten und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte interdisziplinär zusammen. Hintergrund der Entscheidung: Beobachtungen der COVID-Station der Uniklinik ergaben, dass rund 20 Prozent der COVID-19-Patienten an anhaltenden Folgen leiden.
In der Ambulanz werden daher nun umfassende körperliche Untersuchungen und verschiedene Funktionstests, wie etwa zur Konzentrationsfähigkeit und zur Lungenfunktion, durchgeführt. Ziel der Post-COVID-Ambulanz ist es, „ein individuell zugeschnittenes, spezifisches Therapiekonzept zu erstellen.“, erklärt der Direktor der Inneren Medizin in Jena, Andreas Stallmach, die Bedeutung der Einrichtung.
Noch Monate später fühlen sich manche Patienten geschwächt
„Manche klagen über Lungen-, Herz- oder auch Darmbeschwerden, berichtet wird uns aber auch von Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit oder Depressionen. Viele Menschen fühlen sich allgemein krank, teils auch ohne klare Symptome“, berichtet Stallmach.
Gegenüber dem Deutschlandfunk warnt er, dass sich SARS-CoV-2 und die Folgebeschwerden auf viele der inneren Organe auswirken könne. Patienten, die nach einer COVID-19-Genesung anhaltende Beschwerden haben, sollten darum weiter untersucht und behandelt werden, um eine Beeinträchtigung im Alltag zu vermeiden.
Stallmach vergleicht die Erkrankung durch SARS-CoV-2 mit einer Sepsis, bei der nahezu alle Organe geschädigt werden können. Im Gehirn zum Beispiel manifestiere sich der Virusbefall durch den Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns, so der Mediziner weiter. Neben der Lunge können auch die Leber, der Darm und die Nieren sowie die Gefäße betroffen sein.
Virus könnte auch in den Fortpflanzungsorganen replizieren
Zu diesem Ergebnis kommt auch eineKooperationsstudieder Cornell Universität in Ithaca, New York und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Tübingen. Hier haben Forscher mittels Gen-Expressions-Analysen das Virusgen, das zur Infektion in den Zellen erforderlich ist, in verschiedenen Organe von COVID-19-Patienten ermittelt.
Hintergrund: Bei der Replikation benötigen sie bestimmte Enzyme in den Zellen. etwa das Enzym ACE2 (Angiotensin-Converting Enzyme 2) sowie das TMPRSS2 (Transmembrane Serine Protease 2). Diese fungieren als Andockstelle beziehungsweise ermöglichen der Viren-RNA den Eintritt in die Zelle – und wurden von den Wissenschaftlern auch in den Fortpflanzungsorganen gefunden.
Das neuartige Coronavirus kann sich demnach nicht nur in den Atemwegen vermehrt ansammeln, sondern auch in anderen Organen, wo die Bedingungen zur Replikation geeignet sind. Hier bildet sich eine Art Hotspot in Leber, Nieren sowie dem Darm. Der Frage, ob SARS-CoV-2 Einfluss auf die Fruchtbarkeit und Neugeborene hat, soll in weiteren Untersuchungen geprüft werden.


169




