Stoppt diese Zahnpasta Parodontitis?
Das orale Mikrobiom beherbergt mehr als 700 verschiedene Bakterienarten. Einige wenige können Parodontitis verursachen, die neben oralen Effekten auch die Entstehung von Diabetes, Rheuma, Arthritis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und sogar Alzheimer begünstigen können, erinnern die Wissenschaftler in einer Mitteilung.
Mundspülungen vernichten alle Keime
Herkömmliche Mundpflegeprodukte, etwa als Mundspülungen mit Alkohol oder mit dem Antiseptikum Chlorhexidin, vernichteten zwar die Pathogene, aber eben auch alle anderen Keime.
„Wenn sich die Mundflora nach der Behandlung wieder aufbaut, haben pathogene Keime wie Porphyromonas gingivalis einen Startvorteil, weil sie sich auf entzündetem Zahnfleisch besonders gut vermehren können“, berichten die Forschenden. „Die gesunden Keime hingegen wachsen langsamer, und die Mundflora kippt schnell wieder aus dem natürlichen Gleichgewicht in eine Dysbiose – die Krankheit kehrt immer wieder zurück.“
„Eine Zahnpasta mit einem solchen Wirkstoff kann keine Parodontitistherapie ersetzen!“
"Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) begrüßt innovative Forschungsansätze, die darauf abzielen, parodontopathogene Keime gezielt anzugehen und dabei das ökologische Gleichgewicht des oralen Mikrobioms zu berücksichtigen. Der Wirkstoff Guanidinoethylbenzylamino-Imidazopyridin-Acetat stellt einen solchen neuartigen Ansatz dar, da er nicht breit antimikrobiell wirkt, sondern selektiv auf zentrale Virulenzmechanismen von Porphyromonas gingivalis abzielt.
Für diesen Wirkmechanismus liegen mittlerweile belastbare präklinische Daten aus unabhängigen, sehr erfahrenen Forschungslaboren vor, die zeigen, dass durch die Hemmung der bakteriellen Glutaminylcyclase pathogene Eigenschaften von P. gingivalis abgeschwächt werden können, ohne die gesamte orale Mikroflora zu beeinträchtigen. Diese Laborstudien bilden eine wissenschaftlich nachvollziehbare Grundlage für das Konzept einer mikrobiomschonenden Prävention."
Gleichzeitig betont die DG PARO ausdrücklich, dass eine Zahnpasta mit einem solchen Wirkstoff keine Parodontitistherapie ersetzen kann. „Die Behandlung der Parodontitis erfordert weiterhin eine strukturierte, systematische Therapie, die auf professioneller Diagnostik, mechanischer Biofilmentfernung und unterstützender Nachsorge basiert.“
Und weiter: „Der Einsatz innovativer Zahnpflegeprodukte mit selektiver antibakterieller Wirkung sollte daher immer im Kontext einer zahnärztlich oder dentalhygienisch begleiteten Parodontitistherapie erfolgen und individuell mit der behandelnden Zahnärztin, dem behandelnden Zahnarzt oder der Dentalhygienikerin beziehungsweise dem Dentalhygieniker besprochen werden.“
Darüber hinaus weist die DG PARO darauf hin, dass die klinische Wirksamkeit und der Zusatznutzen solcher Wirkstoffe bislang nicht durch randomisierte kontrollierte klinische Studien belegt sind. „Entsprechende klinische Daten sind erforderlich, um den Stellenwert dieser Substanzen in der Prävention und der unterstützenden Therapie evidenzbasiert bewerten zu können.“
Die DG PARO sieht im vorgestellten Wirkprinzip „ein interessantes und potenziell zukunftsweisendes Konzept, dessen weitere wissenschaftliche und klinische Evaluation ausdrücklich zu begrüßen ist“.
Prof. Stephan Schilling, Leiter der Fraunhofer-IZI-Außenstelle Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung, erklärt die besondere Wirkweise der Substanz mit dem Namen Guanidinoethylbenzylamino Imidazopyridine Acetat so: „Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum."
Die Zahnpasta blockiert das Wachstum des Erregers
Schilling weiter: "Sie können ihre giftige Wirkung nicht entfalten, und die gesunden Keime können ihnen sonst verwehrte Nischen besetzen. So hilft der Stoff im Einklang mit den gesunden Bakterien, das mikrobielle Gleichgewicht im Mund sanft aufzubauen und stabil zu halten.“
Die Basis der Technologie geht auf ein EU-Projekt zurück, an dem viele internationale Partner beteiligt waren. Für die Entwicklung neuartiger Zahnpflegeprodukte wurde 2018 das Spin-off PerioTrap Pharmaceuticals GmbH gegründet, ebenfalls mit Sitz in Halle. In enger Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IZI und dem Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS entstand die Mikrobiom-Zahnpasta von PerioTrap.
„Das Produkt dient der Vorbeugung von Parodontitis. Wie eine normale Zahnpasta enthält es aber auch Putzstoffe und Fluorid zur Vorbeugung von Karies“, erklärt Dr. Mirko Buchholz, einer der Gründer des Fraunhofer-Spin-offs.
„Durch rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen, chemische Charakterisierung und quantitative Messungen können wir detaillierte Aussagen über die Verträglichkeit und Funktion einer Substanz machen", erläutert Dr. Andreas Kiesow, Gruppenleiter Charakterisierung medizinischer und kosmetischer Pflegeprodukte.
Es gibt auch schon ein Gel, ein Mundwasser ist in der Mache
Für den Einsatz in der Zahnarztpraxis haben die Expertinnen und Experten des Spin-offs PerioTrap gemeinsam mit den Fraunhofer-Instituten ein Pflege-Gel entwickelt, das nach der professionellen Zahnreinigung appliziert werden kann. Es soll pathogene Bakterien blockieren, die Mundflora stabilisieren und das Zahnfleisch gesund halten.
Derzeit arbeiten die Forschenden derzeit an einem Mundwasser.












