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Interview mit Andreas Haesler

„Und dann kam zum ersten Mal der Gedanke: 'Mach ein Museum draus!'“

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Die Geschichte des Dentalmuseums ist geprägt von einer Vielzahl an Zufällen und von Menschen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufeinandertrafen. Und natürlich der treibenden Kraft von Andreas Haesler, der die Sammlung vor 25 Jahren ins Leben gerufen hat.

Herr Haesler, wie wurde aus dem Zahntechniker Andreas Haesler der Selfmade-Museologe?

Andreas Haesler: Wahrscheinlich muss ich mit 1995 oder 1996 anfangen. Damals habe ich hobbymäßig zwei kleine Ausstellungen auf sechs oder sieben Quadratmetern organisiert. Das hat so großen Anklang gefunden, dass ich gemerkt habe: Das macht nicht nur mir Spaß. Aber dann war das für ein paar Jahre wieder ganz weit weg.

Und dann klingelte im Dezember 1999 das Telefon. Die Frau eines Grimmarer Zahnarztes hatte ihm am Sterbebett versprochen, seine Sammlung irgendwo unterzubringen. Die habe ich mir dann angeschaut – und gleich gesehen: Wegwerfen ist keine Option, es war eine tolle Sammlung. Letztlich habe das ganze Zeug erst einmal zu mir geholt.

Einen Monat später, im Januar 2000, kam dann der Anruf aus dem Nachbarort Döbeln: „Herr Haesler, meine Schwiegermutter ist gestorben, jetzt wird das ­Labor ausgeräumt.“ Das ­Labor war 1928 gegründet worden, 1975 war der Schwiegervater gestorben. Seitdem war es stillgelegt. Keiner hatte die ­Räume betreten dürfen. Das war wie eine Zeitreise. Oder nach einem Vulkanausbruch, ein verlassenes Zeitdokument. Ich hatte es zuvor schon ein einziges Mal gesehen, kannte also den Inhalt. Und dann hieß es nur, wegschmeißen oder abholen. Da habe ich gesagt, ich hole es ab. Und plötzlich war die Garage voll. „Um Gottes willen“, dachte ich dann im Anschluss. „Das brauchst du privat nicht. Hau es weg.“

Offensichtlich gab es aber noch eine andere innere Stimme?

Ich wollte es bewahren. Noch ohne weitere Gedanken! Einfach, weil es schade war, es wegzuwerfen. Und dann fing es natürlich an, in mir selbst umzukippen. Und zu sagen, um Gottes willen, was machst du da eigentlich? Das brauchst du ja nicht. Aber Wegwerfen ist keine so richtige Option. Und dann kam mir zum ersten Mal der Gedanke: „Mach ein Museum draus!”

Wir hatten damals noch ein großes ­Labor und eigentlich hatte ich mehr als genug zu tun. Gleichzeitig beschäftigte mich ab da der Museumsgedanke. Dann bin ich auf das Schloss Colditz gekommen, dessen Räume damals leer standen. Dann ist irgendwo etwas aufgeploppt, so erfuhr die Region: „Der Haesler macht ein Museum.“ Ein Dentalmuseum! Und dann kamen tolle Sammlungsstücke.

War das die Geburtsstunde des Dentalmuseums?

Ja, das kann man so sagen, März oder April 2000 ging es los. Im September fand dann die Eröffnung des Dentalhistorischen Museums im Schloss Colditz statt. Für die Ausgestaltung der Museumsidee war kurz darauf die sogenannte Schlossweihnacht im Dezember 2000 ganz entscheidend: Die Schlosshöfe waren für zwei Tage geöffnet, es gab kleine Buden und ein bunt gemischtes Weihnachtsmarktpublikum. Wir haben das Museum für diese beiden Tage auch aufgemacht. Was soll ich sagen: Die kleinen Räume waren proppenvoll, wir hatten mehr als tausend Besucher an zwei Tagen – und zu 99 Prozent waren es fachfremde Besucher! Die waren so begeistert, dass ich gesagt habe: „Halt!“

Mir wurde schlagartig klar: Ich muss anders denken und handeln. Ich muss den Fokus weg von einem reinen Fachmuseum und hin zu einer 360-Grad-Betrachtung lenken. Das heißt, wir betrachten das Objekt Zahn nicht nur aus zahnärztlicher und zahntechnischer Sicht, sondern aus der Kultur allgemein. Aus allen Perspektiven, die ein Zahn bereitstellt.

Das war die erste Erkenntnis. Eine der wichtigsten.

Weil sie Ihre Herangehensweise geändert hat?

Ja, dieser Dreh hat das Überleben des Museums überhaupt erst ermöglicht. Noch heute haben wir 65 Prozent fachfremde Besucher. Darunter sind viele Wiederholungstäter, die immer, wenn sie Besuch von außerhalb haben, hierherkommen. Denn nur mit Objekten ein Museum zu machen, ohne Besucher, das geht nicht. Also hat das zumindest die Not bezahlt. Sonst wären wir tot gewesen.

Ich habe mir also gesagt: „Kein reines Fokus-Museum, du musst dich erneuern. Du brauchst Publikumsverkehr und musst gleichzeitig ein Fundament für ein Wissenschaftszentrum legen, das ist dein Grundstock.“ Dieser Gedanke wurde im Dezember 2000 geboren.

War das im Schloss Colditz möglich?

Jein. Im Schloss haben wir jedes Jahr eine neue Etage ausgebaut, neue Räume gestaltet, um immer neue Ausstellungen zu machen. Ab da kamen ja immer neue Dinge hinzu. Da fing die Flut fing ja an. Und die wurde jedes Jahr höher. Und das musste ja alles irgendwo organisiert werden. Ich brauchte Platz, um die Objekte unterzustellen. Das ging weder zu Hause noch im Labor.

Schließlich habe ich über eine Online-Auktion im Nachbarort eine Kneipe ersteigert, um mehr Platz zu haben. Das war irgendwie Telepathie. Ich sitze mit meiner Frau im Auto, klage ihr mein Leid, dass ich Räume brauche. Billige Räume, weil ich das alles ja privat bezahlen muss. Da bekomme ich einen ungewöhnlichen Anruf, ich weiß nicht mal mehr, wer es war. „Herr Haesler, Sie suchen doch Räume. Im Nachbarort wird bei einer Auktion die Kneipe versteigert. Die ist ganz billig, 1.000 Euro.“ Viel Zeit war nicht, also bin ich mit meiner Frau hochgefahren und habe mir das angeguckt. Das sah alles so intakt aus, ich sagte mir: „So falsch kann das nicht sein, das Dach ist in Ordnung. Da kannst du wenigstens erst mal was reinstellen.“

„Zum ersten, zum zweiten, zum dritten – Glückwunsch, Herr Haesler!” Ich habe meine Sachen hereingestellt und zack, war der Raum fast voll. Das war von ­Anfang an nur eine provisorische Lösung. Zeitgleich ist Schloss Colditz in Landeshand übergegangen und plötzlich war alles eingerüstet. Eine Perspektive für die Idee einer 360-Grad-Betrachtung und für ein Wissenschaftszentrum gab es nicht. Also habe ich mir gesagt: „Ich gehe.”

So sind Sie nach Zschadraß gekommen.

Genau. Ich habe mit dem Chef der Diakonie und dem Bürgermeister gesprochen. „Wollen wir das Dentalmuseum nicht hierher bringen? Wir haben hier doch ein paar leere Häuser.“ Das war im Jahr 2005. Aber ich hatte keine Förderung und auch kein Geld, weshalb wir schließlich bei einer Miete von 10 Euro landeten. Ich wollte einen Vertrag über 99 Jahre, der Diakonie-Chef wollte einen über nur ein Jahr. Wir einigten uns auf zehn Jahre. Eine Woche später eröffneten wir die erste Ausstellung.

Zwei Jahre später bekam die Diakonie neue Chefs. Das waren …, also die kann man als Heuschrecken bezeichnen. Wieder zerplatzte die Museumsidee, der Aufbau des Wissenschaftszentrums. Was blieb mir übrig? Ich nahm mir ­einen einfachen Plastik-Campingstuhl, setzte mich ins Grünzeug draußen und dachte: „Was machst du jetzt? Hörst du auf?”

Heute wissen wir: Haben Sie nicht.

Richtig. Stattdessen bin ich in die Offensive gegangen. Ich habe mir vorher überlegt, was die Ideallösung wäre: ein Museum, eine Bibliothek, ein Technikum und ein Wissenschaftshaus. Dann bin ich zum Diakonie-Chef gegangen und habe gesagt: „Ich habe kein Geld, ich will vier Häuser!“ Wir haben erst einmal herzhaft gelacht und dann tatsächlich einen Deal gemacht: 30.000 Euro für vier Häuser.

Als der Kaufvertrag unterschrieben werden sollte, musste ich dann gestehen, dass ich ein Jahr als Zahlungsziel brauche, um das Geld zusammenzubekommen. Zunächst gab es natürlich ein Riesentheater, aber ich blieb so hartnäckig, dass sie mir schließlich zähneknirschend zustimmten: „Okay, wir schreiben das noch mit rein.“

Die Spendenaktion mit 1.743 Briefenhat ein Jahr gedauert, dann hatten wir die Summe beisammen. Seitdem gehören die Häuser dem Verein. Das bietet die größte Sicherheit für die Sammlung und das Museum.

Wann kam die Sammlung Proskauer/Witt der Bundeszahnärztekammer dazu?

Das ging über Herrn Schlechtweg [langjähriger Hauptgeschäftsführer der BZÄK, Anm. der Red.], die haben 2007 oder so eine Kammersitzung hierher geholt. Im Kloster Nimbschen war die Sitzung, dazu gab es einen Ausflug ins Dentalmuseum. Im Vorfeld sagte Dr. Breyer [Präsident der ZÄK Sachsen, Anm. der Red.] zu mir, „Herr Haesler, Sie haben eine Viertelstunde“.

Okay, was machen wir? Die sollten ja hier inspiriert, animiert, überrascht werden. Erster Schritt: Etwas Besonderes zu essen. Ich war mit meiner Frau einkaufen, da gab es solche riesigen Salzbrezeln. Da hatte ich eine Idee. Ich will die ja begeistern, mit irgendwas will ich die kriegen. Also haben wir die großen Brezeln besorgt und von meiner Oma habe ich so einen Orangenhund, als Orangenhalter, der hat so einen langen Schwanz, und das ist ein Brezelhalter. Da steckten die früher dran, das hat man so auf den Tisch gestellt, zum Knabbern. Und da habe ich gesagt, das stellen wir auf. Meine Frau hat gemeckert, aber ich habe gewettet, die Dinger sind zuerst verputzt. Und so war es dann auch.

15 Minuten Redezeit, was machst du? Was wissen die von der Proskauer/Witt-Sammlung? Also habe ich mir eine Schatzkiste gemacht, mit der ich einen Einblick in die Geschichte der Sammlung geben wollte. Dazu habe ich mir Handschuhe angezogen, die Geschichte erzählt und immer wieder die Kiste aufgeklappt. 1907 hat Kurt Proskauer als Studiosus sich in einem Antiquitätengeschäft ein Bild gekauft – das war der Anbeginn der Proskauer/Witt-Sammlung. An der Stelle habe ich das Bild aus dem Kasten genommen und hingestellt. Parallel zur Exponate-Sammlung wollte Proskauer auch eine Buchserie herauszubringen. Das erste Buch war 1913 „Der Zahnstocher“ von Hans Sachs. Da habe ich das Originalbuch aus der Schatzkiste genommen. So habe ich das fortgeführt und die Geschichte der Sammlung angedeutet.

Aber ich wollte ja auch die anderen Schätze, die des Museums zeigen. Also brauchte ich auch noch eine Schatzkammer mit den Beständen aus dem Dentalmuseum, Proskauer/Witt war ja noch nicht da. Darum habe ich ein paar alte Vitrinen hingestellt, da habe ich richtig, richtig tolle Schätze, viel Elfenbein, viel Gold, viel Silber, reingepackt. Bis ich merkte, du hast überhaupt keine Lichter, die können gar nicht in die Vitrinen reingucken. Dann habe ich mir überlegt – das ist eine Schatzkammer, die muss man selbst entdecken! Also habe ich auf einen Tisch eine Schale mit Taschenlampen gestellt und sie nach meiner Rede in die Schatzkammer entlassen. Durchs Fenster konnte ich dann sehen, wie sie wie kleine Jungs mit Taschenlampen auf Schatzsuche gegangen sind.

Und das hat überzeugt?

Das Gesamte hat überzeugt. Diese Dreierkombination hat wahrscheinlich zumindest die Tür richtig aufgemacht.

Bei allen Zweifeln, aber das verstehe ich ja auch. Ich bin allein hier, das teilweise Chaos haben Sie ja gesehen. Auch die Ausstellung war damals, ich sage mal, noch etwas einfacher als jetzt, aber das hat trotzdem schon gereicht. Und diese Veranstaltung, die kurze 15-Minuten-Veranstaltung hat dann eben doch überzeugt. Prof. Schnalke war ja auch dabei, der Chef vom Medizinhistorischen Museum der Charité, der sollte das Ganze ja bewerten. Nur der Arbeitskreis zur Geschichte der Zahnheilkunde war (zuerst) mehrheitlich dagegen. Dr. Breyer hat dann Druck gemacht, eine Entscheidung zu finden. Und jetzt ist die Sammlung hier.

Welche Ausstellungen über die Jahre sind Ihnen denn besonders im Gedächtnis geblieben?

Da ist zunächst die erste größere Ausstellung 2004. Die ging als Colditzer Frieden in die Annalen ein – das war eine ganz große Nummer.

Basis war die Idee, alle noch lebenden Professoren der DDR-Universitäten einzuladen – gegen den Reflex: „Ach, die kommen doch sowieso nicht!“ Das ist ja so zerrissen nach der Wende, so schnell zerrissen. Jeder hat versucht, irgendwo noch einen Posten zu ergattern. Und dann ging auch diese Verbundenheit auseinander, weil der Konkurrenzkampf noch größer wurde, auch wenn es den zur DDR-Zeit auch schon gab. Schließlich haben wir es trotzdem probiert.

Von 21 noch lebenden hatten wir 17 da. Und insgesamt über 50 Leute. Und das war ein Knistern. Ein Knistern und Knacken. Und weiter Abstand. Aber die Funken sind geschlagen. Die haben sich wiedergefunden. Das erste Mal auf neutralem Boden haben sich die Professoren, die ganz weit weg voneinander waren, die sich nicht angeguckt und kaum miteinander gesprochen haben, wieder angenähert. Man hat gemerkt, wie das wieder zusammenkommt. Und welche Resonanz das hatte!

Spät am Abend ging es ins Kloster Nimbschen. Dort haben wir eine Art Abschlussfeier gemacht. Die ging bis früh um vier. Die Kneipersfrau hat uns rausgeschmissen.

Und hier im Dentalmuseum?

Einmal haben wir bis jetzt den Dachboden des Museumsgebäudes verwendet, das war 2017 zum 500-jährigen Thesen-Anschlag, die Ausstellung hieß „Luther und die Medizin im 16. Jahrhundert“. Eine Irrsinns-Ausstellung, die war richtig toll.

Der Termin war ja gesetzt, also habe ich natürlich den Herrn Luther untersucht auf seine Zahnkrankheiten – und nichts gefunden. Nirgends gibt es einen Hinweis auf Luthers Zahnkrankheiten. Ich wollte es aber trotzdem machen, also musste ich einen anderen Einstieg, dann eben ein wenig neben der Zahnmedizin, finden. Also machst du Luthers Krankheiten, die sind allgemein bekannt, da gibt es viele Bücher, viele widersprüchliche Sachen, aber es gibt viel.

Wie fange ich also an, die 250 Quadratmeter einzurichten? Der Dachboden selbst sorgte schon mal für die richtige Atmosphäre, das ist so ein richtiger 140 Jahre alter Boden, Gebälk und Dielen noch tadellos. Da entstand schon mal ein Eindruck, ich sag mal, des Verwunschenen. Und wie gestalte ich nun die Eiche selbst? Gleich im Eingangsbereich haben wir dann die Luther-Eiche aufgebaut, man kam auf den Boden und musste in die Luther-Eiche rein. Innen waren seine Krankheiten als Thesen angeschlagen. Das haben wir alles selbst gebaut: große Eichenstämme, die wir mit Kettensägen auseinandergesägt haben. Vier Schwingschleifer haben wir solider gemacht, weil wir das dann schleifen mussten. Und dann – das waren ja bewegte Zeiten – habe ich große Bretter an den Dachstuhl oben gehängt und die miteinander verbunden. Wenn man da angestoßen ist, hat sich unsere ganze Luther-Eiche bewegt. Und aus der Eiche raus gab es zwei Ausgänge: einen in die Medizin des 16. Jahrhunderts und einen in die Zahnmedizin des 16. Jahrhunderts. Das war eine coole Ausstellung.

Und welches Projekt beschäftigt Sie gerade als nächste mögliche Idee?

„Heads and Teeth“ – Köpfe und Zähne. Da gibt es ein paar tolle Sachen, ein paar tolle Ausstellungsobjekte. Aber das ist bis jetzt nur eine Idee.

Ich sage mal so, die Blüte ist bestäubt und jetzt muss eine Frucht daraus werden. Und dann wird hoffentlich geerntet irgendwann und das ist dann die Ausstellung. Das ist ja immer so, irgendwann kommt die Zündung, dann entsteht das erste Flämmchen. Das ist was, da könntest du dich mal drum kümmern. Oder man schmunzelt mal über einen Gedanken – und immer, wenn man über einen Gedanken schmunzelt, sollte man anfangen, den mal aufzuarbeiten. Das habe ich gelernt im Leben.

Dazu kommt ja noch, dass Ihre Expertise auch immer wieder – auch international – nachgefragt wird. So waren Sie etwa 2024 in Istanbul, weil dort Pläne für ein zahnmedizinisches Museum initiiert wurden.

Na ja, das zeigt, dass es nicht mehr allzu viele Orte auf der Welt gibt, wo man mal nachfragen kann: „Ist das richtig? Was müssen wir beachten?“ Vor drei Jahren etwa haben die angefangen, Medizin- und Zahnmedizingeschichte ein erstes Mal überhaupt aufzuarbeiten – und uns gebeten, das mal zu begutachten. Die Frage war, worauf sie denn achten müssen, um Zahnmedizingeschichte vernünftig und richtig darzustellen. Das war auch damals bei Moskau schon so, als wir eingeladen wurden, uns das Museum dort anzuschauen, zu begutachten, Vorträge zu halten. Da fühlt man sich dann schon geschmeichelt.

Wie kommt so ein Kontakt zustande?

Das hat zwei Gründe: Zum einen weil der Begriff „Dentalmuseum“ international funktioniert, wir haben damals einfach den richtigen Namen genommen, der garantiert uns Treffer in der gesamten deutsch- und englischsprachigen Welt. Zum anderen waren wir sehr früh dran damals. Wenn man heute nachschaut in der Google-Maschine, dann findet man unter „dental museum“ um die 80 Prozent Bilder von uns. Und etwa die ersten vier Seiten sind fast immer von uns, schon seit Anfang an.

Was ist konkret nach Istanbul gegangen?

Die komplette Bandbreite, die 360-Grad-Betrachtung. Das sind Objekte, die wir hier doppelt oder dreifach haben, aber die es wert sind, für die Geschichte bewahrt und auch anderswo ausgestellt zu werden. Mir ist wichtig, dass das in die Welt hinausgeht. Das wird dann Teil der internationalen Geschichte – an der wir alle gemeinsam mitarbeiten.

Warum ist Ihnen dieser Gedanke so wichtig?

Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist doch, dass wir auf einer einsamen Insel Robinson Crusoe spielen und überhaupt keinen Kontakt mehr so richtig zur Außenwelt haben. Deswegen ist es besser, wir geben Sachen, die sonst nur in den Katakomben stehen würden, in die internationale Zahnheilkunde, also an andere Museen, und bauen gemeinsam weiter an der internationalen Geschichte der Zahnheilkunde. Die Sachen behalten so ihre Wertigkeit und stehen nicht irgendwo im Keller rum und vergammeln oder werden irgendwann sogar weggeschmissen.

Es geht doch um die Geschichte der Zahnarbeiter! Wenn ich es nur hier bewahre und wegsperre, dann lebt sie nicht. Dann geht sie auch nicht nach außen, dann geht sie auch nicht in die Köpfe rein. Dann wird sie hier verborgen und geht immer mehr verloren. Das ist die einsame Insel. Was willst du auf einer einsamen Insel? Wenn du Kollegen hast, wenn du Kontakte hast, dann können Gespräche stattfinden, dann können Erkenntnisse sich austauschen.

Wo steht das Dentalmuseum heute?

Kurz gesagt: Wir stehen ganz am Anfang, verfügen aber über eine perfekte Grundlage, die wir in den vergangenen 20 Jahren geschaffen haben! Der damalige Gedanke (so um die Jahrtausendwende) war ja, ein eigenes Fundament zu bauen, für ein Wissenschaftszentrum und für eine internationale Geschichte der Zahnheilkunde. Und da sind wir heute. Das haben wir geschafft.

Aber die Grundlage dafür ist so gut wie nie zuvor: Wir haben die Objekte, wir haben die Räumlichkeiten, wir haben die Technik, also die digitale Technik (Computer, Server), so dass man die Geschichte der Zahnheilkunde auf einer ganz breiten Ebene in jedem einzelnen Thema erarbeiten kann. Und wir haben die Literatur. Das ist ja immer ein Wechselspiel, die Exponate und die Literatur decodieren sich ja gegenseitig, ergänzen sich, entschlüsseln sich, erweitern das Verständnis.

Was brauchen Sie, um die nächsten Schritte zu gehen?

Helfende. Und Geld.

Helfende, um die Objekte aufzuarbeiten. Hier kann jeder sein eigenes Thema finden, sich einarbeiten und seinen Namen in die Geschichte der Zahnheilkunde einbringen. Dann könnte die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte der Zahnheilkunde hier im Dentalmuseum richtig durchstarten.

Und jeder, der diesen Löffel oder diese Zange beschreibt, darf natürlich sein Kürzel drunter machen. Oder bei der Aufarbeitung der Bilder, Max Meier hat das damals fürs Dentalmuseum aufgearbeitet. Das ist doch schön, sich in die Geschichte selbst einzubringen. Hier können sie sich veredeln, hier können sie eintauchen in die Geschichte, hier können sie sich verwirklichen. Und das ist das erste Mal überhaupt möglich.

Und es fehlt die finanzielle Unterstützung. Die Situation war ja meistens prekär, 25 Jahre Glatteis. All die Jahre bewegt man sich auf einem ganz glatten Untergrund und versucht, etwas zu bewegen und immer weiterzuentwickeln, um das alles bewahren zu können.

Und wo geht es hin? Wir haben die Geschichte von den Anfängen des Museums bis zur heutigen Quadriga aus Museum, Wissenschaftshaus, Bibliothek und Technikum rekapituliert. Aber was wäre eine Vision für die Zukunft?

Wir haben hier über all die Jahre gemacht, was wir machen können. Das probiert und umgesetzt, was an Möglichkeiten da war, mehr habe ich nicht. Von den vereinsmäßigen, laienmäßigen Anfängen bis hin zu den jüngsten Ausstellungen und zum internationalen Ansprechpartner für die Dentalgeschichte. Und das ist eigentlich schon ganz gut geworden. Aber mit einer neuen, modernen Museumskonzeption nach internationalem Standard ...

Da müsste hier neben dem Museumsgebäude natürlich ein riesengroßer, dicker Backenzahn stehen – ähnlich dem Bilbao-Effekt mit dem Guggenheim-Museum. Dass man also schon von der Architektur her eine Besonderheit hat, die für sich schon anziehend und repräsentativ ist. Wenn man hier vorbeifährt, muss es schon aus der Entfernung die Geschichte erzählen.

Auch drinnen muss sich die Thematik spiegeln: Das geht schon im Foyer los. Was wollen wir beleuchten? Das ist der Mund, also beginnt es hier mit der Geschichte der Mundbeleuchtungsapparate. Wie fängt das mit dem Licht an? Wann geht es los mit den Zeichnungen, wo die Mäuler aufgerissen werden? Von dort geht es dann in ein Dentinkanälchen, also die verschiedenen Bereiche. Über einen Kontaktpunkt geht es ins alte Gebäude oder in die nächste Etage. Das wird sich alles über vier Etagen abspielen.

Die nächste Etage darüber wird eine Galerie sein. Ganz weiß, rund, Farbe bringen nur das Objekt und die Besucher. Da geht es um die Geschichte der Karikaturen und der Ölgemälde. In einzelnen Vitrinen aus der Biedermeier-Zeit, aus der Barockzeit, aus der Gründerzeit werden die Objekte platziert. Oben auf dem Dachboden gibt es Veranstaltungsräume. Im Keller, wo der Grund angefangen hat, gehen wir dann 12.000 Jahre in der Geschichte der Zahnheilkunde zurück. Mehrere kleine Kabinette: die Frühzeit, die Steinzeit, Mesopotamien, Ägypten, Rom. Aus dem Dach kommt ein Pferdewagen raus, wo das Feldzahnatelier dran steht. Und vor dem Pferdewagen ist eine Szene aus dem Ersten Weltkrieg aufgebaut. Mit alten Feldstühlen, alten Instrumenten, mit den ersten Bildern, mit Bildern von Feld-Zahnlazaretten und was die da alles gemacht haben. Und so weiter ...

Aber das kann man jetzt nicht umsetzen, keine Chance. Dazu ist das Haus zu klein. Wir bräuchten mindestens 1.500 Quadratmeter Museumsfläche, um einigermaßen die Geschichte der Zahnheilkunde zeigen zu können. Aber dann wäre es ganz schnell das Internationale Wissenschaftszentrum zur Dentalgeschichte.

Aber die Realität sieht anders aus.

Momentan arbeiten wir, damit es lebt. Aber ich kann nicht mehr schaffen, beim besten Willen nicht. Mehr kannst du nicht schaffen, hier brauchst du mindestens einen Stab von fünf bis zehn Leuten. Auch ich kriege jeden Tag nur 24 Stunden geschenkt, wobei – bei mir sind es wahrscheinlich schon 48 Stunden.

Muss man also schon ein bisschen verrückt sein?

Na ja, ist es denn verrückt? Sicher, bei vielem sagt man, es sei verrückt. Aber es ist ja ein Versuch, etwas für die Nachwelt zu erhalten und unsere Geschichte zukünftig richtig erzählen zu können. Der Verlust wäre, glaube ich, viel, viel höher, wenn man nicht so eisern wäre und sagen würde: „Komm, ich mache weiter, ich mache einfach weiter, ich versuche es.“ Ich habe die Verantwortung übernommen, und so Gott will, wenn er mich denn lässt, kann ich es noch eine Weile machen. Vielleicht dahin bringen, dass wir dieses Fundament, das schon stabil ist, dass wir das noch festigen und ausbauen.

Ich habe zumindest den Versuch gestartet und in den letzten 25 Jahren ist ja auch etwas gelungen, was weltweit einzigartig ist. Viele Gäste kommen ja und sagen „Wann wollen Sie denn hier jemals fertig werden?“. Ich allein kann das nicht schaffen. Ich habe überhaupt keine Chance, hatte von Anfang an keine. Was blieb mir also übrig? Zu bewahren, weiterzuentwickeln und zu schauen, dass wir ein ordentliches Fundament hinkriegen. Und dass heute das Fundament so steht – wenn mir das jemand vor 25 Jahren gesagt hätte, dem hätte ich einen Vogel gezeigt und wäre geflüchtet. Aber mein Leitgedanke war immer: „Wenn ich es nicht mache, ist es verloren!“

Das Gespräch führten Markus Brunner und Marius Gießmann.

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